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Lesung / Livesampling |
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»In jedem Mensch steckt eine Lawine. Man muß sie nur lostreten.« Ein SPIEGEL–Gespräch mit dem Satiriker Jörg Metes und dem Musiker Jos Rinck über ihr Programm »Khartum«* SPIEGEL: Herr Metes, Herr Rinck – der Titel weckt Assoziationen. „Khartum“. Die Stadt, bei der der Weiße und der Blaue Nil zusammenfließen. Man denkt an Karl May und Kara Ben Nemsi, an Leni Riefenstahl und die Nuba, an Osama bin Laden und – Metes: Man sollte besser an ganz was anderes denken. Rinck: September 2003. Sie kennen die Geschichte? SPIEGEL: Ich glaube nicht, nein. Rinck: Im September 2003 gab es eine Massenhysterie in Khartum. Weil angeblich Zauberer in der Stadt waren. Zauberer, die einem den Penis weghexen. SPIEGEL: Die einem – Metes: Zwei Wochen war die Stadt im Ausnahmezustand. SPIEGEL: Die einem was weghexen? Rinck: Den Penis. Penisdiebe. Und dafür, daß sie ihn zurückgeben, verlangen sie dann Lösegeld. SPIEGEL: Sowas habe ich ja noch nie gehört. Rinck: Und trotzdem ist es wahr. Metes weiß lauter solche Geschichten. Metes: Khartum ist überall. Der Mensch ist ein Herdentier. SPIEGEL: Ja gut! Aber – Rinck: Und wo eine Herde ist, ist über kurz oder lang auch eine Stampede. Metes: Irgendwas macht die Herde unruhig. Irgendwer sieht Gespenster. Die Herde läßt sich anstecken und bildet sich ein, sie auch zu sehen. Penisdiebe. Marienerscheinungen. Superstars. Und schon dreht sie durch. SPIEGEL: Aber doch nicht wegen sowas! Rinck: Penisdiebstähle, Schneeballsysteme, Modewellen – wo ist der Unterschied? Metes: In jedem Menschen steckt eine Lawine. Man muß sie nur lostreten. SPIEGEL: Und wieso stand darüber nichts in den Zeitungen? Metes: Über Khartum? Die arabischen Zeitungen waren voll davon. Im Internet weiß es jeder. Rinck: – Oder denken Sie an letztes Jahr. Das Kaufhaus in Edinburgh. SPIEGEL: Welches Kaufhaus? Rinck: Schwangere. Das Kaufhaus wurde plötzlich zur Pilgerstätte für Schwangere. Hochschwangere. Metes: Frauen, die dicht vor der Niederkunft standen. Und wissen Sie weshalb? SPIEGEL: Nein? Metes: Das Kaufhaus wußte es auch nicht. Aber täglich kamen mehr von ihnen. Rinck: Wochenlang hat man herumgerätselt. Dabei war die Erklärung so einfach. SPIEGEL: Nämlich? Rinck: Das darf ich noch nicht sagen. Aber das Prinzip ist immer dasselbe. Herdentrieb. Metes: Wie kommt ein Lied wie Schni–Schna–Schnappi in die Hitparaden? Warum verkaufen sich Memoiren von Dieter Bohlen? Wie entstehen Börsenfieber? SPIEGEL: Ganz genau! Oder auch Börsencrashs! Metes: Alle denken beim Stichwort Börsencrash an 1929. An den Schwarzen Freitag. Als in der Wall Street die Spekulanten aus den Fenstern sprangen. Dabei war der Crash von 1987 noch viel größer. Rinck: Der Schwarze Montag. 19. Oktober 87. Drinnen in der New Yorker Börse stürzten die Kurse ab, und draußen vor der Börse füllten sich die Straßen mit Schaulustigen. Und was taten die Schaulustigen?
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SPIEGEL: Keine Ahnung? Rinck: Sie schauten nach oben. Sie warteten darauf, daß aus den Fenstern wieder die Spekulanten springen würden. Metes: Aber haben Sie das schon einmal versucht? In einem New Yorker Hochhaus aus dem Fenster zu springen? SPIEGEL: Gott bewahre! Rinck: Man kann es gar nicht. Man konnte es auch schon 1987 nicht mehr. Weil es ja längst schon Klimaanlagen gab. Die Fenster ließen sich gar nicht mehr öffnen. Metes: Doch so weit denkt die Herde nicht! Warum nicht? SPIEGEL: Sie machen sich Sorgen? Metes: Ich mache mir Sorgen. Rinck macht Musik. Rinck: Ich habe ja meine Flöte. SPIEGEL: Sie spielen Flöte. Warum gerade dieses Instrument? Rinck: Wenn Sie vor einer Herde stehen, gibt es kein besseres. Hirten haben schon immer mit Flöten gearbeitet. Oder auch der Rattenfänger von Hameln! Metes: Es besteht die Gefahr, daß die Herde auf dumme Gedanken kommt. Erst recht, wenn ich es auch noch so thematisiere. Mit seiner Flöte kann Rinck sie wieder bändigen. SPIEGEL: Die Herde – das ist in diesem Fall das Publikum? Metes: Die Leute im Saal, genau. Khartum ist überall. Rinck: Ich habe natürlich nicht nur die Flöte. Ich habe auch den Synthesizer. Den Looper. Damit kriegen Sie Klänge – das glauben Sie nicht. SPIEGEL: Das heißt: Sie machen mehr als nur einfach Flöte spielen? Metes: Er spielt sie, er singt in sie hinein, er trommelt auf ihr herum. Und zwar nicht nur einfach, sondern im Chor. Rinck: Weil ich eben diesen Looper habe. Ich kann mich vervielfachen. Live. Vervielfachen und sampeln. Ich bin allein, aber ich habe viele Stimmen. SPIEGEL: Geisterstimmen sozusagen. Rinck: Ich lege sie übereinander, eine nach der anderen. Zu einem Blues, zu einem Walzer oder zu einem Schamanengesang. Je nach Publikum. Hauptsache, es beruhigt sich. Metes: Er holt es runter. Die Herde ist verstört, und er beruhigt sie wieder. Er hypnotisiert sie. Es ist praktisch eine Séance vor Publikum. SPIEGEL: Eine Geisterbeschwörung. Metes: Und der Geist, der beschworen wird, ist ihr Geist. Der Geist der Herde. Rinck: Und dann erscheint er ihr. Der Herde erscheint ihr eigener Geist. Also: musikalisch. SPIEGEL: Das klingt aber eher aufregend als beruhigend. Metes: Es ist beides. Beruhigend und aufregend. Und insofern auch riskant. Aber was wollen Sie machen? Rinck: Mit „El condor pasa“ allein erreicht man heute gar nichts mehr. SPIEGEL: Aber wäre es unter diesen Umständen nicht besser, den Herdentrieb einfach schlafen zu lassen? Ihn erst gar nicht zu wecken? Rinck: Wenn wir’s nicht tun, tut’s ein anderer. Metes: Khartum ist überall. Solange es gutgeht, machen wir es. SPIEGEL: Und wenn es nicht gutgeht? Angenommen, das Publikum wird mit diesen Eindrücken nicht mehr fertig? Metes: Auch das ist natürlich eine berechtigte Sorge. Man hat schließlich nur einen begrenzten Vorrat an Zugaben. Rinck: Aber was hilft’s? Was wäre die Alternative? Aus Sicherheitsgründen ohne Publikum auftreten? SPIEGEL: Der Mensch braucht die Herde. Rinck: So sehr er sie auch fürchtet. Der Mensch ist ein Herdentier. Metes: Wer Khartum sagt, muß auch Karlsruhe sagen. SPIEGEL: Herr Metes, Herr Rinck – wir danken Ihnen für das Gespräch. *Noch nicht erschienen. Das Gespräch führten Alina Küsel und Evelyn Renschler.
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Interview |
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